10. März 1959 Die Bedeutung des 10. März für den tibetischen Freiheitskampf

Erst in der jüngeren tibetischen Geschichte erlangte der 10. März seine Bedeutung für das tibetische Volk und als weltweit größter Aktionstag für Tibet. Während der langen Epoche der Unabhängigkeit, die mit dem Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee 1949/50 endete, hatte dieses Datum für das Leben der Tibeter keine Bedeutung.

Um der Annexion Tibets einen legalen Anschein zu geben, zwangen die Chinesen am 23. Mai 1951 der tibetischen Delegation ein sog. „17-Punkte Abkommen zur friedlichen Befreiung“ auf, in dem es hieß, „das tibetische Volk soll in die große Völkerfamilie des Mutterlandes – der Volksrepublik China – zurückkehren“. Die meisten Völkerrechtler sind jedoch der Auffassung, dass dieses Abkommen aufgrund der fehlenden Freiwilligkeit juristisch nicht haltbar ist. Zu einem ähnlichen Schluss kam auch der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages.

In Zentral-Tibet änderte sich durch das Abkommen zunächst wenig. Mehrere Jahre gab es eine Koexistenz zwischen der traditionellen Regierung Tibets unter dem XIV. Dalai Lama und der chinesischen Militärverwaltung. Sie endete im März 1959, als der Dalai Lama genötigt wurde, ohne seine Leibgarde, zu einer Theateraufführung in das Hauptquartier der Volksbefreiungsarmee zu kommen. Die Tibeter wussten, dass dies ein Vorwand war, um ihn nach Peking zu entführen; so wie es bereits mit einigen anderen hohen Geistlichen geschehen war.

Am 10. März 1959 kamen deshalb spontan Tausende Männer und Frauen vor dem Sommer-Palast des Dalai Lama zusammen, um ihr Oberhaupt durch ihre bloße Präsenz vor dem chinesischen Zugriff zu schützen. Nur wenige waren bewaffnet. Nach ein paar Tagen schlug die Volksbefreiungsarmee den Aufstand blutig nieder, doch war dem Dalai Lama in der Nacht vor dem Angriff die Flucht Richtung Indien gelungen, wo er am 18. April eintraf.

Chinesische Dokumente, die in den sechziger Jahren von tibetischen Freiheitskämpfern erbeutet werden konnten, belegen, dass dem Volksaufstand sowie seinen unmittelbaren Folgen 87.000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Nach den Ereignissen um den 10. März herum begann die härteste Phase der Unterdrückung und Kulturzerstörung in Tibet. Noch vor der eigentlichen Kulturrevolution – die alles Traditionelle und Religiöse endgültig ausmerzen wollte – waren in Tibet 80 Prozent aller Kultstätten zerstört und über 90 Prozent aller Geistlichen ermordet oder gefangen genommen worden. Das geht aus offiziellen chinesischen Zahlen hervor, die der damalige Vizegouverneur von Tibet, Pu Qiong (Tib.: Buchung), 1987 vor-gelegt hat. Nach einer statistischen Erhebung der Regierung Tibets im Exil starben insgesamt bis zum Tode Maos und der Entmachtung der Vierer Bande etwa 1,2 Mio. Tibeter durch Terror, Exekutionen und Hunger.

So wird der 10. März, der Beginn des Volksaufstands gegen die chinesische Besatzung, von den Tibetern und ihren Freunden als Tag der Trauer, aber auch als Tag des Widerstands begangen. In indischen Städten finden aus diesem Anlass seit Jahrzehnten Demonstrationen und andere Formen des Protestes statt. Bisweilen begannen Tibeter an diesem Tag mit langen Hungerstreiks.

 

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